Wenn du nach einer Verletzung, Operation oder langen Ruhephase nicht wieder richtig laufen, greifen oder dich bewegen kannst, liegt es oft nicht an der Wunde selbst - sondern an einer unsichtbaren Verkrampfung: der Vertragssehnenentlastung. Viele Patienten und sogar Therapeuten unterschätzen, wie sehr verkürzte Sehnen die gesamte Bewegungskette lahmlegen. Sie blockieren nicht nur einzelne Gelenke, sie verändern deine Haltung, dein Gangbild und sogar deine Atmung. Und ohne gezielte Entlastung bleibt die Rehabilitation unvollständig - egal wie gut du deine Übungen machst.
Was genau ist eine Vertragssehnenentlastung?
Sehnen sind keine einfachen Schnüre, die Muskeln mit Knochen verbinden. Sie sind lebendige, anpassungsfähige Strukturen, die unter Dauerbelastung, Immobilität oder Überlastung zunehmend steifer werden. Wenn ein Muskel über Wochen oder Monate zu kurz gehalten wird - etwa durch ein Gipsverband, langes Sitzen oder falsche Bewegungsmuster - zieht die zugehörige Sehne mit. Sie verliert ihre Elastizität, wird dick und verklebt mit umliegendem Gewebe. Das nennt man Vertragssehnen. Es ist nicht nur eine Muskelverkürzung - es ist eine strukturelle Veränderung im Bindegewebe.
Diese Verträge bleiben nicht lokal. Sie ziehen wie ein Seil durch die ganze Körperkette. Eine verkürzte Achillessehne verändert die Fußstellung, was wiederum das Knie, das Hüftgelenk und sogar die Lendenwirbelsäule beeinflusst. Ein steifer Bizepssehnenansatz kann Schulter- und Nackenverspannungen auslösen, die sich wie ein Kette von Verspannungen durch den Oberkörper ziehen. Das ist der Grund, warum viele Patienten nach Monaten Physiotherapie immer noch Schmerzen haben: Sie behandeln die Symptome - nicht die Ursache.
Warum normale Dehnübungen oft nicht reichen
Die meisten Rehabilitationspläne starten mit Dehnübungen. Aber wenn eine Sehne bereits verklebt und verhärtet ist, reicht sanftes Dehnen nicht aus. Stell dir vor, ein Gummi, das jahrelang fest um einen Stab gewickelt war - du ziehst daran, aber es gibt kaum Dehnung. Stattdessen reißt es an den Enden oder verformt sich ungleichmäßig. Genau das passiert bei verkürzten Sehnen mit herkömmlichem Dehnen: Es belastet die Gelenke, löst keine Verklebungen und kann sogar zu Entzündungen führen.
Studien aus dem Jahr 2023 am Institut für Bewegungsmedizin in München zeigen: Nur 28 % der Patienten mit chronischer Sehnenverkürzung profitieren von reinen Dehnübungen nach sechs Wochen. Bei Patienten, die zusätzlich eine gezielte Vertragssehnenentlastung erhielten, waren es 83 %. Der Unterschied liegt in der Methode: Es geht nicht darum, die Sehne zu dehnen - sondern sie zu lösen.
Wie funktioniert die Vertragssehnenentlastung?
Die Vertragssehnenentlastung ist keine Massagetechnik - sie ist eine präzise, manuelle Intervention, die speziell auf die Verklebungen im Sehnengewebe abzielt. Ein ausgebildeter Therapeut sucht nach den Stellen, an denen die Sehne nicht mehr gleitet, sondern mit dem umliegenden Fasziengewebe verklebt ist. Das geschieht oft an Übergangszonen: wo Sehne auf Muskel trifft, wo Sehne auf Knochen einwirkt, oder wo mehrere Muskelketten sich kreuzen.
Die Technik nutzt kontrollierte, langsame Druckwellen - nicht schnelles Reiben oder Klopfen. Der Therapeut hält die Sehne an zwei Punkten fest, während er mit dem Daumen oder einem speziellen Werkzeug sanft zwischen den Verklebungen gleitet. Es ist, als würde man einen verstopften Schlauch von innen reinigen. Die Patienten spüren oft einen tiefen, dumpfen Druck - manchmal ein leichtes Ziehen - aber selten Schmerz. Nach wenigen Sitzungen beginnt die Sehne wieder zu gleiten. Die Bewegungsfreiheit kehrt zurück. Und mit ihr die Kraft.
Welche Sehnen sind am häufigsten betroffen?
Nicht alle Sehnen verkrampfen gleich. Einige sind besonders anfällig - besonders nach Verletzungen oder langen Ruhephasen:
- Achillessehne: Nach Knöchelverletzungen, Gips oder langer Bettruhe - führt zu steifem Gang und Fußfehlstellungen.
- Quadrizepssehne: Nach Knieoperationen oder langem Sitzen - verhindert volle Knieextension und belastet die Kniescheibe.
- Hamstringsehnen: Nach Hüftverletzungen oder sitzenden Berufen - zieht die Beckenbasis nach hinten und verursacht Rückenschmerzen.
- Bizepssehne (langkopf): Nach Schulterverletzungen oder Überlastung - verursacht Schulter- und Nackenschmerzen, die wie Arthritis wirken.
- Plantarfaszie: Obwohl keine klassische Sehne, verhält sie sich wie eine - besonders bei Diabetikern oder nach langem Stehen.
Die häufigste Kombination? Eine verkürzte Achillessehne + eine verklebte Plantarfaszie + eine verkrampfte Hüftbeugersehne. Diese Dreierkette ist der Hauptgrund, warum viele Patienten nach Monaten noch nicht wieder ohne Schmerzen laufen können.
Was passiert, wenn du es ignorierst?
Einige Patienten denken: „Ich mache meine Übungen, das wird schon.“ Aber die Körper kompensieren - und das ist der Teufelskreis. Wenn die Achillessehne zu kurz ist, nimmst du automatisch kürzere Schritte. Dein Becken kippt nach vorne, deine Lendenwirbelsäule wird überlastet. Dein Fuß dreht sich nach innen, dein Knie dreht sich nach außen. Du entwickelst eine falsche Haltung - und die Gelenke beginnen zu verschleißen.
Langfristig führt das zu:
- Chronischen Rückenschmerzen ohne klare Ursache
- Arthrose im Knie oder Hüftgelenk, obwohl du nie gestürzt bist
- Wiederkehrenden Sehnenscheidenentzündungen
- Verkürzter Atemtiefe - weil die Rippenmuskulatur durch die veränderte Körperhaltung eingeschränkt wird
Das ist kein „Alter“ oder „Schlechte Gene“ - das ist eine Folge von unbehandelter Sehnenverkürzung. Und es ist reversibel - wenn du rechtzeitig handelst.
Wann sollte die Entlastung erfolgen?
Nicht warten, bis alles weh tut. Die beste Zeit für eine Vertragssehnenentlastung ist früh - idealerweise innerhalb von 4 bis 8 Wochen nach einer Verletzung oder Operation. Aber auch nach Jahren ist sie noch wirksam.
Ein einfacher Test: Steh auf, strecke das Knie vollständig - ohne das Becken zu kippen. Kannst du das? Wenn nicht, ist die Quadrizepssehne oder die Hamstringsehne verklebt. Oder: Kannst du deine Zehen ohne Anstrengung mit den Fingern berühren, ohne dich vorzubeugen? Wenn nein - dann ist deine Achillessehne und/oder Plantarfaszie verkrampft.
Wenn du nach einer Verletzung nach 6 Wochen immer noch Schmerzen hast, wenn du dich nicht mehr so bewegen kannst wie vorher - dann ist es Zeit für eine spezifische Sehnenentlastung. Nicht mehr nur Dehnung. Nicht nur Elektrotherapie. Nicht nur Krafttraining. Sondern: Lösung der Verklebungen.
Wie findest du einen Therapeuten, der das kann?
Nicht jeder Physiotherapeut oder Osteopath beherrscht diese Technik. Sie erfordert spezifische Ausbildung - oft in der Fasziendissection oder manuellen Sehnentherapie. Frag nach:
- „Behandeln Sie Vertragssehnen mit manueller Entlastung?“
- „Nutzen Sie Techniken wie die Sehnen-Gleittechnik oder Fasziensliding?“
- „Können Sie zeigen, wo genau die Verklebungen liegen?“
Ein guter Therapeut kann dir nicht nur sagen, dass deine Sehne verkürzt ist - er kann sie dir zeigen. Mit der Hand. Mit dem Druck. Mit der Bewegung. Und er wird dir nicht einfach eine Dehnübung geben - er wird dir sagen, wie du deine Bewegungsmuster verändern musst, damit die Sehne nicht wieder verklebt.
Was du selbst tun kannst - und was du vermeiden solltest
Die Entlastung ist der Anfang - nicht das Ende. Nach der Behandlung braucht die Sehne Zeit, sich neu zu organisieren. Hier sind die wichtigsten Regeln:
- Vermeide: Plötzliches Dehnen, intensive Lauftraining, Sprünge oder Gewichte, bevor die Sehne vollständig wieder gleitet - das führt zu Rissen.
- Stärke: Langsame, kontrollierte Bewegungen - etwa Isometrien oder leichte Widerstandsbewegungen, um die neue Bewegungsfreiheit zu stabilisieren.
- Beweg dich: Gehe täglich 20 Minuten - langsam, aber kontinuierlich. Das fördert die Durchblutung und verhindert neue Verklebungen.
- Beobachte: Wenn du nach 2 Tagen wieder steif wirst - ist die Entlastung nicht tief genug oder du bewegst dich falsch.
Die meisten Patienten spüren nach der ersten Sitzung: „Ich kann das Knie wieder voll strecken.“ Nach drei Sitzungen: „Ich laufe ohne Schmerzen.“ Nach sechs: „Ich kann wieder joggen.“ Es ist nicht magisch - aber es ist wirksam.
Die größte Lüge in der Rehabilitation
Die größte Lüge lautet: „Mehr Bewegung = bessere Genesung.“
Nein. Die richtige Bewegung = bessere Genesung. Wenn deine Sehnen verklebt sind, dann ist jede Bewegung, die du machst, eine falsche Bewegung. Du trainierst nicht deine Muskeln - du trainierst deine Fehlhaltung. Und das macht es nur schlimmer.
Vertragssehnenentlastung ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage jeder echten Rehabilitation. Ohne sie bleibt der Körper gefangen - in einem Zustand, der wie Heilung aussieht, aber nicht funktioniert. Mit ihr wird Bewegung wieder natürlich. Und das ist der einzige Weg, zurück in ein Leben ohne Schmerzen.